Etüden 2010

Vom 19 Oktober 2010 von Administrator in Soziokultur

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Das AGH-Theaterprojekt von Matthias Schluttig und DramaVision in der Villa:

Abschlussbericht – Etüden 2010

Phase 1: Gruppenfindung

Ausgangspunkt dieses Projektes war die Bewilligung eines optimalen Konzeptes seitens der ARGE. Dieses Konzept ermöglichte es uns als Leiterteam eine Gruppe fortzuführen und weiter aufzubauen. Das heißt der Kern der Gruppe kannte sich bereits aus dem vorigen Projektzeitraum 2008/09 namens „Egoismus“. Weitere Spieler konnten wir dann ganz nach unseren Ansprüchen rekrutieren, sie der ARGE vorstellen und schließlich einstellen. Hieraus ergab sich eine 15-köpfige Gruppe die hochmotiviert war die Ziele des Projektes umzusetzen: möglichst geradlinig Theaterstücke zu entwickeln – um im Laufe eines Jahres so häufig wie möglich vor Publikum aufzutreten.

Durch die neue Ausrichtung des Konzeptes hin zu einem professionellen Kulturbetrieb veränderten sich die Arbeitsbedingungen fundamental – sie wurden komfortabler für alle Beteiligten. Vom ersten Probentag an war für die Gruppe und die Leiter deutlich: in diesem Projekt wird es keine Grundsatzdiskussionen über die Motivation der Teilnehmer geben. Auch wenn im Laufe des Jahres neue Teilnehmer in unsere AGH-Maßnahme „Schauspiel“ vermittelt wurden, so war doch die kritische Masse von mindestens 10 Spielern hochmotiviert. Diese kritische Masse vermittelte auch den Übrigen den nötigen Spielspass, half mit die „Neulinge“ auch in den Pausen und während des Grundlagentraining zu integrieren und positiv einzustellen.

Ursache für diese komfortable Gruppensituation war das Differenzierte Verständnis der Teilnehmer über den Nutzen und das Potential des Projektes: sie wussten, was sie erwarten durften und freuten sich auf ihre Auftritte vor Publikum.

Ich behaupte, dass „Etüden – 2010“ das bisher progressivste und professionellste AGH-Theaterprojekt seiner Art in Leipzig war – eben wegen den zwei Grundpfeilern Vorbereitung und Weiterführung einer Gruppe in der zweiten Generation und Auslese motivierter Teilnehmer. Den eigentlichen langfristigen persönlichen Bildungseffekt den wir bereits mit „Egoismus 2008-09“ anvisiert hatten konnten wir erst mit „Etüden – 2010“ erzielen. Dies lässt sich auf die lange Beziehungsdauer von knapp 2 Jahren zwischen mir – dem Leiter – und dem Kern der Gruppe zurückführen. Gerade den alten Hasen des Projektes sieht man deutlich an, dass sie sich weiter entwickelt haben.

Persönlichkeitsentwicklung mit Pädagogik herbeizuführen braucht viel Zeit und eine stabile langfristige Beziehung zwischen Leiter und Gruppe!

Phase 2: Probenphase

Nach dem ersten Monat Grunslagentraining ging die Gruppe direkt dazu über in unterschiedlichen Konstellationen Theaterstücke herzustellen. Dazu musste die Gruppe geteilt werden, denn es gab immer mindestens zwei Projekte, die gleichzeitig entwickelt wurden. Dass heißt, eine Teilgruppe probte früh von 9-12 und die zweite Teilgruppe bis Nachmittags 12-15. Daraus ergab sich eine Probestundenzahl von 15 Stunden, die Teilnehmer mussten aber vorbereitet auf die Proben kommen, woraus sich effektiv 20 Wochenstunden pro Teilnehmer ergaben, da sie Text lernen mussten und für ihre Rollen recherchierten, bzw. Texte abtippten, Kostüme und Requisiten besorgten, usw..

Der erhöhte Anspruch dieser Arbeitsweise bestand darin, dass wir in regelmäßigen Abständen (meist im Montagstraining – wo die Gruppe einmal pro Woche zusammenkam) für eine stabile Gruppenkonsistenz sorgten. Bei aller Separation in Arbeitsgruppen, sollte trotzdem das Zugehörigkeitsgefühl und eine Gruppen-Identität gewahrt bleiben. Wir verhinderten so das Konkurrenzdenken zwischen den einzelnen Produktionsteams und konnten dadurch nach Fertigstellung der einzelnen Stücke wieder neue Arbeitsgruppen zusammenwürfeln ohne dass sich in der Zwischenzeit die Fronten verhärtet hätten.

Die erste Produktion: eine Werkschau mit kurzen Szenen aus Stefan Zweig-Novellen folgte dann auch schon Anfang Dezember und untermauerte für alle Teilnehmer noch einmal die Zielstellung des Projektes. Zur Werkschau wurde Publikum geladen, nach nur zwei Monaten Projektlaufzeit und das darstellerische Niveau wurde im anschließenden Publikumsgespräch als beachtlich beschrieben. Nach Stefan Zweig war die Stimmung aufgeheizt und wir konnten etwas größenwahnsinnig bereits im Dezember sämtliche Vorhaben bis zum Projektende durchplanen.

Zeitgleich prämierte das Ensemble DramaVision – wie wir uns inzwischen nannten – das Stück „Ein Königreich für eine Fußbodenheizung“ im Haus Steinstrasse. Bemerkenswert daran ist, dass das 4-köpfige Darstellerteam bereits ein halbes Jahr vor dem AGH-Start mit den Proben am Stück begonnen hatte und dadurch einen gehörigen Vorsprung hatte. Die „Fußbodenheizung …“ wurde zum dauerhaften Spielplanelement, insgesamt führten wir sie im Laufe der AGH-Maßnahme 17 Mal auf. Mit diesem Stück hatte das Ensemble auf einmal ein Gesicht in der Öffentlichkeit. Wer uns sehen wollte brauchte nur in ein Versanstaltungsmagazin zu schauen und konnte eine unserer Vorstellungen besuchen. Wir verteilten Werbematerial, produzierten einen Filmtrailer auf unserer Website, präsentierten Fotos, bekamen Zeitungsrezensionen. All das bestärkte das gesamte Ensemble in seinem Tun – wir probten nicht nur so vor uns hin im Rahmen einer AGH-Maßname, sondern wir waren Teil des öffentliche Diskurses, Teil der Theaterszene Leipzig und hatten etwas zu sagen. Die Projektteilnemer, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Rampenlicht gestanden hatten, wollten nun unbedingt auch ihr Gesicht für DramaVision zeigen.

Phase 3: Sommertheater

Der Schwerpunkt des Projektes lag mit den zwei Produktionen „Grüne Grenze“ und „Reigen“ eindeutig beim Sommertheater. Viele Gründe sprachen für das Sommertheater. Durch die Auftritte im Freien befreiten wir uns von dem Zwang uns in den Spielplan eines anderen Theaters hineinzuquetschen – da wir über keine eigene Bühne verfügen. Zudem wurden wir mitten im WM-Sommerloch für unser Publikum attraktiv, da sich Freisitz-Atmosphäre mit Kulturgenuss bei uns verbinden lies. Und drittens wollten wir programmatisch den Leipziger Osten bespielen, ein Stadtviertel das von der freien Szene oft gemieden wird.

„Grüne Grenze“ präsentierten wir im Rahmen vom Leipziger Ferienspiel „Stadt in der Stadt“ – eine große Kooperative vieler soziokultureller Vereine aus Leipzig mit dem Ziel in den Sommerferien Kindern etwas Einzigartiges anzubieten. DramaVision wollte dem Kinderprogramm einen Beitrag für Erwachsene am Abend hinzufügen, die Veranstalter von „Stadt in der Stadt“ nahmen dies gerne an. „Grüne Grenze“ war als einzige Produktion unserer AGH-Maßnahme etwas überproportioniert, es war etwas zu anspruchsvoll, sprengte unsere Möglichkeiten, unseren Zeitplan. Nichts desto trotz konnten wir unseren Premierentermin einhalten, weil sämtliche Initiatoren von Stadt in der Stadt uns großartig unterstützten. Das Geyserhaus lieh uns Vorhänge und Headsets, das OFT-Rabet gab uns die Schlüsselgewalt für ihr Haus und ihre komplette Bühnentechnik, das Haus Steinstrasse verbürgte sich mit eintausend Euro für die von uns entliehene Technik, sie reservierten bei der Stadtverwaltung die Freiluftbühne für uns, buchten die Sicherheitsfirma auch in den späten Stunden, damit wir sicher abbauen konnten. DramaVision bewies mit „Grüne Grenze“, dass neben der begrenzten ARGE-Förderung auch künstlerische Großprojekte möglich sind, wenn sie von einem großen Netzwerk unterstützt werden. Dieses Netzwerk ist ebenfalls das Ergebnis einer langfristigen Präsenz von AGH-Projekten unter DramaVision im soziokulturellen Zentrum „Die VILLA“.

Nach „Grüne Grenze“ gingen wir in die Sommerpause. Danach probten wir sehr zeitintensiv in nur 3 Wochen den „Reigen“ von Arthur Schnitzler. Die restliche Projektdauer wollten wir noch so oft wie möglich auftreten, also planten wir den gesamten August, Sommertheater im Café Substanz im Täubchenweg zu spielen. Dieses Vorhaben wurde von allen Beteiligten sehr begrüßt. Die Substanz entpuppte sich als ideale Spielstätte und das von uns gewählte Stück als Publikumsmagnet. Die gute Resonanz der Zuschauer lies die meisten Spieler vergessen, dass unsere AGH-Maßnahme sich allmählich dem Ende näherte.

Aus diesem Grund reservierten wir den letzten Monat September für eine gründliche Reflektion und für die Vorbereitungen unseres Abschlussfestivals. Der Monat September sollte einerseits als ruhiger Ausklang dienen, wo die Teilnehmer sich seelisch und moralisch auf die Zeit danach konzentrieren sollten, andererseits wollten wir mit dem eigenen Festival am letzten Septemberwochenende noch einmal ein Zeichen setzen indem wir 4 unterschiedliche Inszenierungen vor Publikum brachten. Alle Teilnehmer konnten so noch einmal den Stolz auf die eigene Leistung und einen kräftigen Schlussapplaus mit nach Hause nehmen.

In der Reflektion mit den Spielern wurde deutlich, dass sich bei allen die Beziehungsfähigkeit, die Stressresistenz, die Teamfähigkeit und die Belastbarkeit verbessert hat. Auch das Selbstbewußtsein mit dem die Teilnehmer eigenen Grenzen verteidigen, bzw. sich neuen unbekanten Aufgaben nähern ist spührbar gewachsen. Alle haben ihrer eigene Stimme mehr Kraft verliehen, ihrer Stimme, mit der sie sich Themen, soziale Rollen und neue Denkweisen zu eigen machen. Ihren authentischen Stimmen ist anzumerken, dass sie die neuen Erfahrungen des Projektes verinnerlicht haben und nicht nur reproduzieren.

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