„Schlachtfeld der Seele“

Premiere: 7. Mai 2011, 20.00 Uhr, kleiner Saal, Gewandhaus zu Leipzig

Soldaten der Bundeswehr
GewandhausChor
Gregor Meyer – Leitung
Matthias Schluttig – Projektleitung

Premiere: „Schlachtfeld der Seele“, 7. Mai 2011

Soldaten der Bundeswehr

GewandhausChor

Gregor Meyer – Leitung

Matthias Schluttig – Projektleitung

Was ist das für ein Projekt?

Wenn sich die Kunst in Lebensbereiche außerhalb der Kunst begibt und dort nach Botschaften sucht, die für die Öffentlichkeit interessant und wichtig sein könnten, nennt man das „Soziokultur“. Das Projekt des GewandhausChores „Schlachtfeld der Seele“ ist so ein Projekt.

Im Frühjahr 2010 knüpften der Dramaturg Matthias Schluttig und der GewandhausChorleiter Gregor Meyer den Kontakt zu vier Soldaten der Bundeswehr. Im Schatten der dramatischen Entwicklung des ISAF- Einsatzes in Afghanistan wurden die Soldaten gebeten, zu Protagonisten eines soziokulturellen Projektes zu werden. Ihre Geschichten und Erlebnisse aus den Auslandseinsätzen sollten in Chormusik transformiert und veröffentlicht werden. Sie willigten ein.

Die Bühne und der Chor dienen für dieses Projekt vorrangig als Medium – und weniger als unabhängige Virtuosen. Sie treten hinter die Protagonisten zurück und überbringen deren persönliche, intime Botschaften, anstatt klassische Werke zu interpretieren.

Warum Soldaten?

Was ein Soldat während seiner Auslandseinsätze im Einzelnen erlebt, gerät kaum in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Stattdessen dominiert die Bildberichterstattung in Konfliktsituationen, der feuilletonistische Streit um die angemessene Bezeichnung der deutschen Beteiligung am Nato-Einsatz in Afghanistan und die Schilderungen über traumatisierte Soldaten. Die einzelnen Erfahrungen umfassen jedoch ein riesiges Spektrum, von harmlosen Bürojobs im Lager, über die normalen Strapazen in einem Dritte-Welt-Land, bis hin zu schwersten kämpferischen Auseinandersetzungen, und die Soldaten verarbeiten ihre Erlebnisse unterschiedlich gut. Vieles prägt und verändert die Persönlichkeit ohne dass es zur Diagnose PTBS (PostTraumatische BelastungsStörung) kommt. Wenn über das Erlebte gesprochen wird, dann bleiben die Geschichten meist in der (Bundeswehr-) Familie. Zudem vermeidet diese Berufsgruppe die emotionale Wiederbelebung ihrer Erinnerungen und schaut stattdessen pragmatisch nach vorn.

Das Projekt bietet ihnen die Möglichkeit, sich vom journalistischen Nachrichtenwert und von skandalösen oder tragischen Anlässen zu emanzipieren und selbst zu entscheiden, was für sie zu erzählen notwendig ist.

Warum Musik?

Die Aufzeichnung von Erinnerungen und Empfindungen in Schriftform konserviert zwar Informationen, Fakten und Ereignisketten, verliert aber die Qualität des Gefühls – es „fühlt sich nicht mehr an“. Die Transformation der Texte in eine lyrische Form bringt etwas davon zurück, ist aber in ihrem Wesen nur Schrift. Erst die Synthetisierung von Text in Gesang durch den Komponisten und den Chor gibt dem gesungenen Wort einen unmittelbaren emotionalen Aggregatzustand zurück. Beim Hören „fühlt es sich irgendwie an“. Diese mehrfachen Übersetzungsvorgänge – vom Interview zur Prosa, von der Prosa zur Lyrik, von der Lyrik zur Notenschrift, von den Noten zum Klang – eignen die Geschichten der Kunst an, das Material wird dabei interpretiert und verformt. Das Konzert ist das Ergebnis des Dialogs zwischen den Soldaten und den Künstlern und wurde von allen am Arbeitsprozess Beteiligten legitimiert.

Die Qualität der zwischenmenschlichen Begegnung von Künstlern und Soldaten basierte in erster Linie auf der rezeptiven Haltung der Macher und dem Vertrauen, das die Soldaten ihnen entgegen brachten. Das Zuhören war die Schlüsselkompetenz für den gemeinsamen Arbeitsprozess. Sowohl die von Beginn an vorherrschende künstlerische Haltung, als auch die Charakteristik der entstandenen Texte erklärt sich aus der typologischen Eigenart des (Zu-) Hörens und des Akustischen.

Unser Ohr nimmt anders wahr als das Auge:

„Sehen hat mit Beständigem, dauerhaft Seiendem zu tun, Hören hingegen mit Flüchtigem, Vergänglichem, Ereignishaftem. Während daher zum Sehen Nachprüfung, Kontrolle und Vergewisserung gehören, verlangt das Hören das akute Aufmerken auf den Moment, das Gewahren des Einmaligen, die Offenheit für das Ereignis. Daher hat das Sehen auch eine Affinität zu Erkenntnis, Wissenschaft und Wahrheit, das Hören hingegen zu Glaube und Religion.“

„Sehen bringt die Dinge auf Distanz und hält sie an ihrem Ort fest. Es ist der objektivierende Sinn schlechthin. Ganz anders das Hören, das die Welt nicht auf Distanz bringt, sondern einläßt. Während das Sehen ein Sinn der Distanzierung ist, ist das Hören einer der Verbundenheit.“ (Welsch, Wolfgang. Grenzgänge der Ästhethik. Stuttgart. 1996. S. 247-250.)

Was für den interviewartigen Arbeitsprozess gilt, gilt auch für das Ergebnis: das Konzert verbleibt in der akustischen Dimension.

Das Medium Musik provoziert nicht Urteile über wahr oder falsch, sondern trifft entweder den Geschmack, den empfindsamen Nerv der Zuhörer, oder nicht. Gegenüber der Bildberichterstattung ist die Musik ungeeignet für den argumentativen Streit unterschiedlicher politische Gesinnung. Genau hier setzt die Zielstellung des Projektes an. Die Diskussion um abstrakte Begriffe wie Moral, politische Verantwortung und Ethik heilt nicht die Wunden und Alpträume. Dies leistet nur die zwischenmenschliche Verhandlung und Integration der gemachten Erfahrungen. „Schlachtfeld der Seele“ versucht, dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Zum Konzert treten auf der GewandhausChor und vier von fünf Protagonisten des Projektes: drei Bundeswehrsoldaten und ein Bundeswehrseelsorger (Pfarrer).

Freiverkauf

12 EUR zzgl. VVK-Gebühr

Ermäßigung für Berechtigte